Philip Glass

Ausführliche Biographie von Philip Glass




Philip Glass wurde am 31. Januar 1937 in Baltimore (Maryland) geboren, wo sein Vater als Schallplattenhändler tätig war.
Durch das Geschäft seines Vaters entwickelte er schon als Kind eine Beziehung zur Musik. Sein erstes Instrument war die Flöte; er begann mit dem Erlernen des Flötenspiels als Sechsjähriger. Im Alter von acht Jahren wurde er Schüler am Peabody Conservatory in Baltimore und war als Zehnjähriger bereits Flötist in einigen lokalen Orchestern.

Von 1952 bis 1956 war Glass Musikstudent an der Universität von Chicago und erlangte dort den Grad eines Bachelor of Arts. Bis 1962 führte er sein musikalisches Studium an der Juilliard School of Music in New York fort, wo er zum Master of Science graduierte.
Zu dieser Zeit hatte er bereits mehr als siebzig seiner Werke aufführen können, doch handelte es sich dabei größtenteils um akademische Musik, d.h. Auftragskompositionen in der Kompositionsklasse der Hochschule oder für Hochschulorchester. Glass hat diese Werke später für unbedeutend erklärt, da sie nichts mit seinem erst später entstandenen eigentlichen Musikstil zu tun hatten.
Nachdem er vorübergehend von Stipendien und Auszeichnungen leben konnte (er arbeitete u.a. zwei Jahre als Stipendiat der Ford-Foundation in Pittsburgh), ging er 1964 für einige Zeit nach Europa, wo er durch ein Fulbright-Stipendium zwei Jahre als Schüler von Nadia Boulanger in Paris verbringen konnte. Diese Begegnung war prägend für sein musikalisches Verständnis und sein musikalisches Hören.

In Paris geschah es auch, daß Glass eine für seinen weiteren Werdegang entscheidende Begegnung hatte. Der indische Sitar-Spieler und Komponist Ravi Shankar und sein Tabla-Spieler Alla Rakha waren gerade in Paris, um Musik für einen Film aufzunehmen. Diese Musik sollte jedoch auch von "klassischen westlichen" Musikern gespielt werden, bedurfte dafür aber der Transkription. Für diese Arbeit wurde Philip Glass ausgewählt.
Hierbei hatte er zum ersten Mal Kontakt mit der Râga-Musik Indiens und der ganz anderen Art, wie dort Zeit erlebt wird. Die Râga-Musik besteht aus vielen hundert kleinen Tonskalen von zumeist fünf, gelegentlich auch sieben Tönen, die bestimmten Ereignissen, Tages- oder Jahreszeiten, Göttern, seelischen Stimmungen und anderem zugeordnet sind. Sie dienen als Grundlage der Improvisation, wobei ein Stück aus nur einem Râga besteht, das dann nach festgelegten Regeln in vielfachen Improvisationen erscheint. Hinzu kommt ein anderes Verständnis von Rhythmus, das die Zeit nicht "zerschneidet", wie dies in der westlichen Musik fast immer der Fall ist, sondern kleine Zeiteinheiten zu größeren zusammenfügt, wodurch neue Perspektiven des Zeiterlebens eröffnet werden.

Ganz neue Welten des Verständnisses von Musik, sowohl in der Behandlung von Melodien als auch in der von Rhythmus, taten sich vor Glass in seiner Begegnung mit Ravi Shankar und Alla Rakha auf. Es entstand der Wunsch, Indien und andere Länder des Ostens zu bereisen; dies geschah 1967 vor der Rückkehr nach New York.
In Paris hatte Glass seine erste Frau, JoAnne Akalaitis, kennengelernt, und mit ihr bereiste er Indien und den Vorderen Orient, später auch Afrika. Es war die erste, aber nicht die letzte Reise nach Indien; immer wieder besuchte Glass dieses Land, um mehr über die Menschen und ihre Kultur und dabei besonders über ihre Musik zu kernen.

JoAnne Akalaitis war Gründungsmitglied und später auch Leiterin der Theatergruppe "Mabou Mines", die ab Mitte der sechziger Jahre unter anderem in Paris Beachtung fand. Die Schauspieler hatten alle eine Vorliebe für Neues, für Experimente; es war die Zeit, in der Samuel Beckett in Paris neue Werke herausbrachte und in der an vielen Stellen Traditionen aufgebrochen, Experimente gewagt wurden. In Paris war es möglich, das Entstehen dieser neuen Gedanken quasi hautnah mitzuerleben. Genau dies tat Glass oft, indem er solchen Theateraufführungen der unterschiedlichsten Ensembles beiwohnte. Dort hatte er 1965 auch den ersten Kontakt zu "Mabou Mines" und wurde bald in gewisser Weise als Komponist in das Ensemble integriert. Er begann, Theatermusiken zu schreiben. Sein erstes Werk für das "Mabou Mines" Ensemble war eine Musik für zwei Saxophone zu Becketts "Play". Dieses Werk wurde oft in Paris aufgeführt und später noch öfter in New York im "La Mama Cafe" (später "La Mama etc"), einer sogenannten "Off-Off Broadway" Bühne, in der sich die Avantgarde des Theaters traf.

Mit der Arbeit für das "Mabou Mines" Ensemble begann ein Prozeß der Loslösung von der Musik der europäischen Avantgarde, denn im Gegensatz zum Theater blieb die Musikwelt fest in der Hand der Serialisten.
Auch Kompositionen von Strawinsky, Hindemith, Bloch, Sibelius oder Bartók konnten dem jungen amerikanischen Komponisten zwar viel zeigen, doch wenig wirklich Neues vermitteln. Alles wirkte geregelt und einengend.
Werke von John Cage, Morton Feldman u.a. erschienen freier, ungebundener, wagemutiger. Kein theoretisches Dogma engte hier den Schaffensdrang ein. Das war Musik, die auch, zumindest gelegentlich, vom großen Publikum akzeptiert wurde, was den meisten Werken des Serialismus' versagt blieb. Auch hier sieht Glass einen Fehler, den er später noch konsequenter als zu Anfang vermieden hat. Die wichtigeren Ereignisse aber als die seltenen Aufführungen von Werken us-amerikanischer Komponisten waren für Glass die Entwicklungen im Film und im Theater. Filme von Truffaut, Goddard und Cocteau beeindruckten ihn sehr. Hier wurde eine neue Sprache, eine neue Ästhetik geschaffen, der er sich stark verbunden fühlte und die ihre Ausprägung auch im Theater fand.
In den nächsten zehn Jahren schrieb Glass häufig Theatermusiken für das "Mabou Mines" Ensemble, danach begannen Arbeiten an eigenen Bühnenwerken. Die intensive Beziehung zum Theater in allen Formen ist wohl ein Grund dafür, daß Glass sich selbst gerne als "Theaterkomponisten" bezeichnet.

Alle Werke, die vor 1965 entstanden, waren, wie Glass des öfteren betont, akademischer Natur, d.h. nach den Regeln des Kompositionsunterrichts gearbeitet und zumeist im Stil seiner Lehrer Vincent Persichetti und William Bergsma. Jetzt aber, angeregt durch sein Studium bei Nadia Boulanger und seinen Kontakt mit der indischen Musik, begann er einen neuen Stil zu entwickeln. Hier liegen die Wurzeln für das, was später so unzulänglich und gelegentlich auch unzutreffend als minimal music bezeichnet wurde. Glass übernahm Elemente der Additionstechnik von der indischen Râga-Musik und kombinierte sie mit westlicher Harmonik. Diese wurde aber durch die Repetition so in einen neuen, ungewohnten Kontext gestellt, daß die Stücke begannen, weder tonal noch atonal sondern "nicht-tonal" zu sein.
Für die Zeit, in der sich der neue Stil entwickelte (in diesem Fall Ende der sechziger Jahre, kurz nach seiner Rückkehr in die USA), sei hier eine Schilderung angeführt, die den Eindruck aus der Anfangszeit der minimal music wohl recht treffend schildert:

"[...] auf der Lincoln Center Plaza in New York [trat] eine Truppe offenkundig verrückter Keyboarder und Bläser zu einem Open-Air-Konzert auf. In aberwitzigem Tempo spielten sie ein winziges Repertoire von gebrochenen Akkorden immer-und-immer-wieder, als ginge es darum, die müßigen Spaziergänger der Plaza in Vudu-Trance zu versetzen; das frühe Philip-Glass-Ensemble verbreitete mit seinen Farfisa-Orgeln den gesunden Schrecken der Radikalität."

Auch wenn hier die Werkbeschreibung sehr pauschalisierend ist – so klein war das "Repertoire von gebrochenen Akkorden" auch in den frühen Werken nicht –, trifft diese Aussage die Wirkung, die der nun gefundene Kompositionsstil von Glass auf viele Menschen hatte; dies galt nicht nur für "müßige Spaziergänger" sondern auch und gerade für Menschen, die ernsthaft an den Entwicklungen der Avantgarde interessiert waren. So hatte also Philip Glass endlich "seinen" Stil entwickelt und verfolgte ihn von nun an mit aller Konsequenz.

Kurz nach seiner Rückkehr in die USA gründete Philip Glass "sein" Philip Glass Ensemble. Es bestand zunächst nur aus elektrischen Orgeln, Flöte und Saxophon. Die ersten Mitglieder waren Studienfreunde von Fulbright und andere Musiker, die Glass in Paris kennengelernt hatte. Mit diesen Menschen begann er, bei verschiedenen Konzerten, zumeist in Galerien oder Ateliers, seine ersten Werke in dem neuen Stil vorzutragen.
Im September 1968 schließlich fand in der "Film Makers Cinemateque" in New York das erste öffentliche Konzert des Ensembles statt, bei welchem nur Werke von Glass gespielt wurden. Hierbei wirkte zusätzlich eine Violinistin mit, sowohl als Ensemblemitglied als auch als Solistin. Doch es waren nur wenige Musiker, die am Anfang bei dieser Art von Musik mitwirken wollten; die meisten hielten Glass' Vorstellungen und Ideen für Phantastereien.

Das erwähnte Konzert beinhaltete die ersten Arbeiten für das Ensemble, wie etwa "Two Pages", "How Now", "One Plus One" und "Music in the Form of a Square". Das zuletzt genannte Werk, dessen Titel auf "Music in the Form of a Pear" von Erik Satie anspielt, war mit zwei Flöten besetzt. Die Noten hingen an Stellwänden, die aber niedrig genug waren, um darüber hinwegsehen zu können. Diese Wände standen in einem großen Quadrat, wobei der eine Part auf der Innenseite, der andere auf der Außenseite angebracht war. Philip Glass und Jon Gibson, der den zweiten Flötenpart spielte, wanderten nun in entgegengesetzter Richtung an den Noten entlang, und das Stück endete, sobald sie wieder an dem Anfangspunkt angekommen waren. Experimentierfreude kennzeichnet diese Phase, und dieser Experimentierfreude ist Glass bis heute treu geblieben, auch wenn er heute weit weniger radikal ist als in den Jahren 1968-1976.

Das Jahr 1976 markiert mit der Uraufführung von "Einstein on the Beach" in Avignon einen Wendepunkt in Glass' Karriere. Dieses Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner, Architekten, Pädagogen, Maler (usw.) Robert Wilson entstand, sorgte für internationale Berühmtheit und gilt bis heute als Meilenstein der Operngeschichte.

"Einstein on the Beach" machte zwar seine Schöpfer sowohl beim Fach- als auch beim "normalen" Publikum berühmt – immerhin waren die beiden Aufführungen im November 1976 in der New Yorker MET ausverkauft –, ein finanzieller Erfolg war es aber nicht. Glass und Wilson mussten noch froh sein, das Unternehmen "Einstein" nicht mit übergroßen Schulden zu beenden. (Zu "Einstein on the Beach" selbst sei auf die Besprechung verwiesen.)

Glass intensivierte nach "Einstein on the Beach" seine Arbeiten für das Theater, was sehr bald zu dem recht umfangreichen Werk "Dance" führte. "Dance" ist ein Werk, das heute unter den damals noch ungebräuchlichen Begriff "Multimedia" fallen würde, denn es vereint Tanz, Film und Musik. Entstanden ist es in Zusammenarbeit mit der Tänzerin und Choreographin Lucinda Childs, die bereits bei "Einstein" mitgewirkt hatte, und dem vielseitig aktivem Künstler Sol LeWitt. Neben seiner kompositorischen Arbeit musste sich Glass aber weiterhin auf unterschiedlichste Weise um ein Einkommen kümmern, da er von seiner künstlerischen Arbeit alleine noch nicht leben konnte (u.a. arbeitete er als Taxifahrer und Installateur).

1980 folgte ein weiterer Meilenstein in Glass' Schaffen in Form der Oper "Satyagraha" (siehe Besprechung). Hans de Roo, damals seines Zeichens Direktor der Nederlandse Oper in Rotterdam, hatte Glass nach einer Aufführung von "Einstein on the Beach" gefragt, ob er nicht einmal eine "richtige Oper" schreiben wolle. Daraus entwickelte sich schließlich "Satyagraha", eine Oper über Mohandas K. Gandhis Zeit in Südafrika, mit der Glass wiederum sehr großen Erfolg hatte. Durch die Arbeit an "Satyagraha" entstand die Verbindung nach Stuttgart und zu Achim Freyer, der dort als Regisseur tätig war und die deutsche Erstaufführung von "Satyagraha" inszenierte.

Freyer war es auch, der 1983 eine der beiden Uraufführungen der dritten Oper dieser "Portrait-Trilogie" in Sezen setzte, "Akhnaten" oder deutsch "Echnaton". Dieses Werk wurde parallel in Houston und Stuttgart inszeniert und zur Uraufführung gebracht (siehe Besprechung).

Etwa ab diesem Zeitpunkt war es für Philip Glass endlich möglich, sich voll auf seine kompositorische Arbeit und auf die Konzerte mit seinem Ensemble zu konzentrieren, ohne andere Quellen für seinen Lebensunterhalt zu benötigen. Sein Bekanntheitsgrad wuchs nun sehr schnell, nicht zuletzt durch den großen Erfolg des Films "Koyaanisqatsi", dessen Filmmusik im Oktober 1998 in einer Neuaufnahme erschienen ist.

Weitere Werke folgten, die seinen Erfolg festigten, aber auch immer wieder Kritiker auf den Plan riefen, die seine Werke als oberflächlich, von sich selbst abgeschrieben und banal abqualifizierten. Interessanterweise waren dies aber sehr oft keine Kenner des Glass'schen Oeuvres, so dass sie sich manchmal dadurch selbst ad absurdum führten.

An öffentlichkeitswirksamen und erfolgreichen Werken mangelte und mangelt es Glass nicht:

Philip Glass verbringt einen großen Teil seiner Zeit mit Tournee-Reisen. Wenn er allerdings einmal nicht unterwegs ist, wohnt er in New York. Er ist, soweit ich weiß, seit dem Tod seiner dritten Frau unverheiratet.

© Mathias Sträßer

Für Eilige gibt es eine Kurzbiographie


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