Philip
Glass
Besprechungen einzelner Werke von Philip Glass
CIVIL warS - Rome Section
(komponiert 1983/84)
Lange angekündigt ist jetzt endlich "the CIVIL warS - a tree is best measured when it is down (Rome Section)" bei Nonesuch auf CD erschienen.
Das Mammutprojekt von Robert Wilson stellt einen Meilenstein des Theaters der 80er-Jahre dieses Jahrhunderts dar. Die "Rome Section" ist nun endlich als Hörerlebnis verfügbar, nachdem bisher nur wenige Ausschnitte in Filmen oder auf unautorisierten Aufnahmen zu finden waren.
Wir begegnen hier Philip Glass in der intensivsten Zeitspanne seiner "Arpeggio-Phase". Vergleichbar besonders zu "Satyagraha", dem mittleren Teil seiner "Portrait-Trilogie", ist die Bestzung klassisch: großes Symphonieorchester, Chor, Solisten. Hinzu kommen allerdings zwei Sprecher, was ungewöhnlich ist für ein Werk, das im weitesten Sinne als Oper gelten kann. Die Sprecher sind ein wesentlicher Bestandteil des Klangerlebnisses, da sie nicht, wie sonst eventuell bei Opern vorkommend, nur zwischen den Teilen der Musik hervortreten, sondern ihren Text direkt zur Musik sprechen.
Diese Rollen sind in der vorliegenden Aufnahme sehr prominent besetzt: Den männlichen Part spricht Robert Wilson selber, den weiblichen Part hat Laurie Anderson übernommen, die beide durch sehr intensive Sprechweise beeindrucken.
Doch zurück zur Musik. Durch die Wahl des klassischen Symphonieorchesters (gewohnt beeindruckend geleitet von Dennis Russell Davies) wäre der Klang konventionell, würden nicht jegliche konventionellen Vorstellungen direkt zu Beginn verworfen, indem Glass das Orchester über ein kurzes aber heftiges Crescendo in mächtigen, rauschenden Arpeggien durch verschiedene Tonleitern führt
Das ganze Stück ist in vier Teile gegliedert, von denen der erste kurz nach dem Anfangscrescendo das sehr melodische Hauptthema vorstellt, was sich - nicht ungewöhnlich für Glass - durch das Werk zieht, da es besonders im letzten Teil wieder erscheint. Es wechseln in diesem ersten Teil starke Gefühle mit sehr zarten melodischen Passagen, die wechselseitig von Sopran- und Baritonsolo gestaltet werden.
Vor allem die Teile 3 und 4 verdienen weitere besondere Beachtung, da hier die Sprecher in Erscheinung treten. In beiden Teilen, besonders aber im dritten, bleibt die Musik mit gemäßigten Arpeggien und Akkordfolgen eher leise im Hintergrund, tritt dadurch aber als Gesamteindruck wieder stärker hervor, ohne daß der Hörer Einzelnes genau verfolgen kann. Die Dynamik entsteht hier durch die Sprecher, besonders durch die sehr intensive Sprechweise von Robert Wilson.
Der Schluß des Werkes läßt Stimme (Laurie Anderson) und Musik leise (unter einzelnen Tierstimmen) verklingen, wodurch der Eindruck des langsamen Verschwindens entsteht.
Insgesamt ist die Musik trotz oder gerade wegen der häufigen Arpeggien und der Crescendi und Decrescendi sehr melodisch und lyrisch. Es ist noch fast nichts von dem späteren polytonalen Glass zu hören.
Als Einstieg in die Klangwelt des Philip Glass empfehle ich diese hervorragende Aufnahme allerdings nicht.
© Mathias Sträßer